„bleibt stark“

ein blog für menschen mit alzheimer und ihre angehörigen
von okka gundel

ein kleines bisschen rock ‘n‘ roll


11.04.2017

in einem altenpflegeheim passiert nicht mehr viel. das leben wird dominiert von einer akzeptierten monotonie, aus der niemand mehr ausbrechen kann. es sind insbesondere die mahlzeiten, die dem dasein struktur geben. frühstück, mittag, abendessen, am nachmittag vielleicht eine tasse tee, ein bisschen gebäck. jahreszeitenübergreifend lässt die dekoration der flure und gemeinschaftsräume die mitbewohner in geistig wachen momenten erahnen, dass das leben außerhalb des heims für alle weitergeht. in einem raum, in dem zeit keine rolle mehr spielt, eine komische symbolik.

AFI-Botschafterin Okka Gundel, Foto: Christian Eller

das letzte mal habe ich meine oma an ostern 2003 gesehen. ich war auf dem weg zu meinen eltern und habe – wie fast immer – einen zwischenstopp eingelegt und damit auch meiner mutter ein gutes gefühl verschafft. jeder tag, an dem sie ihre mutter alleine wusste, war kein guter tag für sie. zu versuchen, die last ein bisschen auf mehrere angehörige zu verteilen, das ist wichtig. bei meiner mutter machte sich immer eine große dankbarkeit breit, wenn jemand aus dem bekanntenkreis ankündigte, meine oma zu besuchen. ein gefühl der solidarität. ein besuch bei alzheimerpatienten ist schließlich immer auch eine reise ins ungewisse. wie würde man sie antreffen? traurig, unzufrieden, fröhlich, aggressiv? noch heute kann ich die unruhe nachfühlen, die in mir aufstieg, je näher ich dem heim kam, weil ich mich genau das fragte.

direkt im eingangsbereich stand ein stolzer schwarzer flügel. die erste zeit hatte meine oma dort noch die lieder ihres langen lebens zum besten gegeben. mittlerweile ignorierte sie ihn. nichts wollte sie mehr von ihm wissen. in dem gläsernen eingangsportal musste man links abbiegen und einem langen gang folgen, links und rechts an zimmern vorbei, die mit den jeweiligen fotos der besucher versehen waren. der gang mündete in einen offenen bereich in dem auch gemeinsam gegessen wurde. es war später vormittag und da saß sie nun, meine oma, wie so häufig an einem großen tisch, damals österlich dekoriert, mit einigen anderen mitbewohnern, die sich wort- und ausdruckslos gegenüber saßen. die blicke so leer, dass sie mich bis heute durchdringen. das leben in einem altenheim hat etwas zutiefst hoffnungsloses. es ist die perspektive, die fehlt. nichts wird mehr besser. umso wichtiger sind kleinigkeiten gerade für demenzkranke. ein kleiner moment der nähe, eine kleine geste, ein kleines bisschen ablenkung, ein kleines bisschen rock ‘n‘ roll. denn manchmal dringt doch etwas durch und bringt uns den menschen, den wir schon lange verloren haben und der uns trotzdem immer noch vital gegenüber sitzt, wieder zurück.

es war ein schöner frühlingstag, an dem ich, ohne es zu wissen, meine oma das letzte mal in meinem leben sah. sie saß so, wie sie am liebsten saß. mit einer wolldecke in ihrem rollstuhl mit dem rücken zur wand, der blick richtung fenster und in den raum hinein. es war ein guter tag, das spürte ich schon aus der ferne. sie sah mich direkt, konnte mich nicht zuordnen, merkte aber, dass ich auf sie zusteuerte und als ich sie umarmte, ihre hand drückte und sagte, sie sehe gut aus, da lächelte sie. ihr äußeres war ihr immer wichtig gewesen. das hatte sie in der zwischenzeit zwar vergessen, aber komplimente dieser art blieben ihr irgendwie nie verborgen. ziemlich sicher wusste sie nicht wer ich war, aber sie spürte, dass es jemand gut mit ihr meinte. sie wirkte entspannt. viel geredet hatte sie da schon nicht mehr. umso mehr erzählte ich. sie hörte zu. ihr blick wechselte zwischen mir und einem großen schoko-osterhasen in lila stanniolpapier hin und her, den ich ihr mitgebracht hatte. liebevoll und gedankenverloren streichelte sie den schoko-hasen, während ich aufzählte, was wir das nächste mal, wenn ich mehr zeit haben würde, alles machen könnten. dass ich ihr einen frisch geräucherten aal mitbringen würde und selbstgemachten eierlikör und dass ich sie ausfahren würde durch die fußgängerzone, die sie so sehr mochte. in dem moment strahlte sie, nickte, strich dem schoko-hasen über den kopf und sagte zu ihm: „und du? du kommst dann auch mit!“  mich haben diese worte sehr berührt. so war sie, meine oma, herzensgut. niemand sollte zurückbleiben. und genau so sollten wir es auch handhaben mit menschen, die den allergrößten teil ihres lebens hinter sich haben.


bleibt stark!

eure

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und das ist gut so

16.02.2017

klar kann ich das. ich mache alles ganz alleine. gar kein problem. ich dusche jeden morgen oder gehe sogar schwimmen. waschen, kämmen, ... na logo.

meine oma war bis zu ihrem tod mit fast 88 jahren eine stolze und eitle frau. ganz besonders stolz und voller tatendrang präsentierte sie sich leider ausgerechnet an dem tag, als die herrschaften von der pflegeversicherung zwecks einstufung bei ihr zu besuch waren. meine mutter, als stille beobachterin des szenarios von den kontrolleuren gerade so geduldet, war sprachlos. nach diesem formidablen auftritt meiner oma war die endabrechnung einfach: null d-mark!!

ende der 90er war das. die pflegeversicherung, die 1995 in kraft trat, steckte noch in den kinderschuhen. 22 jahre später orientiert sich selbige neu. seit dem 1.1.2017 gibt es fünf pflegegrade statt drei pflegestufen. außerdem – und das ist das wichtige – ist der begriff der pflegebedürftigkeit erweitert worden. ab sofort gelten nicht mehr nur menschen mit körperlichen einschränkungen als pflegebedürftig, sondern auch geistig oder psychisch beeinträchtigte menschen. alzheimer-patienten sind jetzt also mit im rennen. und das ist gut so. die wertschätzung der pflege von alzheimer-patienten kann gar nicht hoch genug sein. so vielschichtig ist sie. die geistige unberechenbarkeit erfordert höchste alarmbereitschaft zu jeder tages- und nachtzeit. körperliche gebrechen, die das alter zusätzlich mit sich bringen, erscheinen bei dementen menschen dagegen vergleichsweise harmlos, weil sie keine bedrohung darstellen.

in zahlen bedeutet die reformierte pflegeversicherung folgendes: in der höchsten pflegestufe gibt es 901 € wenn man einen angehörigen selbst pflegt oder 1.995 € , wenn man einen pflegedienst engagiert. der höchstsatz bei einer tages- oder nachtpflege liegt bei 1.995 € und bei einem leben komplett im pflegeheim bei 2.005 €. immerhin!

im dritten anlauf rutschte meine oma dann übrigens doch noch in die pflegestufen hinein, der äußere anschein konnte nicht mehr über ihre defizite im alltagsleben hinwegtäuschen. die letzten zwei jahre ihres lebens verbrachte sie in einem pflegeheim, von dem sie bis zum schluß dachte, es sei ein hotel. sie fühlte sich wohl. ein gefühl, das besonders für die angehörigen mit keinem geld der welt zu bezahlen ist und mit vielem versöhnt.

 

bleibt stark!

eure

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weil wir menschen sind

19.12.2016

was ist nur der besondere zauber an weihnachten? warum backen wir einmal im jahr plötzlich so gerne plätzchen? warum ärgern wir uns immer wieder gerne über kaputte lichterketten, warum erwärmt sich unser herz auch für ein noch so spirreliges tannenbäumchen?

eine komische welt ist das in der wir leben oder sind nur wir selbst komisch? wir, die wir das ganze jahr mehr oder weniger auf der überholspur verbringen und dann an weihnachten plötzlich sentimental, rührselig und romantisch werden. ist es am ende doch die menschlichkeit, nach der wir uns alle so sehr sehnen? nicht der erfolg im beruf, nicht das reüssieren in der gesellschaft?

das würde vielleicht auch die enorme spendenbereitschaft in der weihnachtszeit erklären. in keiner zeit des jahres wird so viel gespendet wie in dieser zeitlich begrenzten weihnachtlichen episode. bringen uns die kerzen, die vertrauten weihnachtslieder unserer kindertage und die gemütlichkeit dazu, menschlicher zu werden, unseren nächsten zu lieben auch wenn wir ihn gar nicht kennen und das große ganze zu sehen und nicht nur uns selbst? das könnte so sein. vielleicht aber auch nicht. im grunde ist es auch unerheblich. wichtig ist nur, dass menschen geld spenden. denn vieles ist ohne spenden gar nicht möglich.

auch die AFI, also die alzheimer forschung initiative, ist eine organisation, die sich aus spenden finanziert. bis heute konnte die AFI 201 forschungsaktivitäten mit über 8,4 millionen euro unterstützen und 750.000 ratgeber und broschüren verteilen. ein besonderes anliegen der AFI ist die hilfe und die unterstützung der betreuenden angehörigen durch persönliche beratung und informationsmaterialien. sie belastet die alzheimer-krankheit oftmals noch viel mehr als die erkrankten selbst, die ab einem gewissen zeitpunkt in ihrer eigenen welt leben. die pflegenden angehörigen müssen ihren ‚pflegedienst’ zusätzlich in ihren meist ohnehin schon übervollen alltag integrieren. ein unterfangen, das viele früher oder später nicht nur verzweifeln lässt, sondern auch an den rande ihrer eigenen gesundheitlichen kapazitäten bringt. jede spende ist eine wichtige spende für die AFI. ob groß oder klein, ob regelmäßig oder einmalig oder eben regelmäßig einmal im jahr zum fest der liebe. denn es geht um uns, um uns menschen und um die menschlichkeit!

frohe weihnachten und alles gute für 2017!

 

bleibt stark!

eure

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vertauschte rollen

07.11.2016

nach tagen, an denen es bei uns zuhause drunter und drüber ging, fragt mich meine 9jährige tochter manchmal, ob das leben als mutter anstrengend ist. ich sage dann JA ... ABER es ist gleichzeitig auch das schönste auf der welt!!  kinder großzuziehen, sie zu führen und doch im (hoffentlich) richtigen moment loszulassen, ihnen zu vertrauen, ist herausforderung und geschenk zugleich. was könnte es spannenderes geben, als zu beobachten, wie sich kleine persönchen zu kleinen persönlichkeiten entwickeln?

wenn großeltern an alzheimer erkranken, ist das genau umgekehrt. es macht traurig, weil ihre persönlichkeit, die sie über ein langes leben entwickelt haben, von tag zu tag ein bisschen mehr verschwindet. gestandene menschen entwickeln sich langsam wieder zu babies, um die man sich tag und nacht kümmern muss. die nicht mehr wissen wo sie sind, die man füttern muss und die manchmal sogar wieder windeln brauchen, weil sie nicht mehr merken, wann sie auf toilette müssen. alzheimer-patienten entwickeln sich zurück, genau gegensätzlich zu kindern. weil kinder selbst erst alles gerade gelernt haben oder noch dabei sind, können sie sich ganz gut in das schicksal der alzheimerkranken hineinversetzen. bei kindern wird die festplatte im gehirn langsam voll geladen, bei omas und opas zerstört alzheimer ebendiese und räumt sie langsam leer. ein fehler im system.

das unheimliche daran ist, dass die erkrankten großeltern dabei immer noch genauso aussehen wie immer und im grunde genommen auch zunächst noch körperlich fit sind. äußerlich ändert sich erst einmal nichts und innerlich alles. das ist für kinder oft nicht zu begreifen. und natürlich ist es beängstigend für die kleinen, wenn omas und opas plötzlich totalen quatsch erzählen oder wenn sie sogar bockig werden, so wie sonst nur die kleineren geschwister. erwachsene symbolisieren für kinder grundsätzlich erstmal sicherheit und schutz. wenn alzheimer auftaucht, wird dieses konstrukt zerstört. irgendetwas läuft falsch. das ist für kinder schwer zu begreifen und unangenehm. aber ihr kinder da draußen, ihr braucht euch nicht für eure großeltern schämen. sie können nichts dafür. sie sind krank.

und warum nicht ‚einfach’ aus der not eine tugend machen? kinder übernehmen gerne verantwortung.... mal kurz auf den kleinen bruder aufpassen, alleine zum bäcker gehen...so etwas stärkt das selbstbewußtsein... und so sollte man auch den umgang zwischen kindern und alzheimerkranken handhaben. vertauschte rollen sozusagen. der oma vorlesen,  ihr etwas vorsingen, den opa füttern, ihn in den arm nehmen und trösten, wenn er traurig ist. für oma und opa da sein. für andere da sein. ein wichtiger baustein für die entwicklung zur eigenen persönlichkeit. mehr hinweise, wie ihr euer kind dabei unterstützen könnt, mit einem alzheimer-patienten umzugehen, findet ihr hier.

bleibt stark!

eure

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mein aufruf zum welt-alzheimer-tag

19.09.2016

warum? dieses kleine wörtchen mit fünf buchstaben stellt mich als mutter von drei kleinen kindern oft vor schwierigkeiten. warum sind löcher im käse, warum wird aus spüli eine seifenblase. oft lautet meine antwort: das google ich gleich mal. bei sachlichen themen geht das gut. aber bei ganz persönlichen? wenn es um werte geht, die einem wichtig sind, ist google jedenfalls keine option. neulich fragte mich meine tochter: warum machst du das mit den alzheimern, wenn du gar kein geld dafür bekommst?

ganz einfach: weil mir ältere menschen sehr am herzen liegen. weil momente, wie ich sie als botschafterin für menschen mit alzheimer erlebt habe, mit geld nicht zu bezahlen sind. ich erinnere mich noch sehr gut an meine erste aufgabe bei der AFI. ich moderierte die veranstaltung „unterm mikroskop“. im hörsaal an der uniklinik in düsseldorf blickte ich in ein publikum voller alter menschen. so richtig alt, meine ich. darüber hatte ich im vorfeld komischerweise gar nicht so sehr nachgedacht. ich sah menschen, die angst davor hatten, wie es weiter geht. angst davor, was auf sie zukommt. ich fand die stimmung ein bisschen bedrückend, das gebe ich zu. im laufe der veranstaltung wurde allerdings auch gelacht und es sickerte bei mir durch, dass alzheimer immer auch ein wenig von humor begleitet wird. von galgenhumor. von selbstironie. das fand ich stark. alleine diese erste erfahrung hat mir persönlich viel gegeben. und ein bisschen mitzuhelfen, ein bisschen zu unterstützen, das macht auch ein gutes gefühl.

fern ab vom rampenlicht

als tv-moderatorin stehe ich oft im rampenlicht – im fernsehen scheint ja irgendwie immer die sonne. im sport erst recht. aber so ist das leben nicht. im sport sind die akteure jung, kraftvoll und stark. es ist nur ein kleiner ausschnitt und ein ziemlicher kontrast zu menschen mit alzheimer. ich mag meinen job, das ist wichtig. und ich mag menschen, das ist genauso wichtig. dazu gehören kinder, jugendliche, junge erwachsene, erwachsene und ganz unbedingt auch die alten. wir dürfen die alten nicht vergessen, meine ich. sie sind diejenigen, die schon ein langes leben hinter sich haben, die hart gearbeitet haben, die kinder groß gezogen haben, die krieg und krisen erlebt haben. sie sind es wert, ihr leben in würde zu ende zu bringen. ganz besonders dann, wenn sie es nicht mehr selbst in der hand haben.

engagiert euch für menschen mit alzheimer!

die antwort an meine tochter, warum ich „das mit den alzheimern mache“, hätte auch lauten können: weil mich das ehrenamt bei der AFI reich macht. mich als menschen. anlässlich des welt-alzheimer-tags möchte ich deshalb einen deutschlandweiten aufruf starten. engagiert euch für menschen mit alzheimer! wie das geht? hier könnt ihr euch schlau machen.

bleibt stark und berichtet mir über eure erfahrungen!

eure

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fast zu besuch bei chopin

01.08.2016

sommerferien sind doch mega, oder? sechs wochen frei, ein bisschen verreisen, ein bisschen abhängen. was für eine herrliche zeit. was urlaub angeht, sind manche von euch aber vielleicht nicht so flexibel, weil sie sich um die großeltern kümmern müssen, die an alzheimer leiden und nicht alleine bleiben können. denn alzheimer macht keine ferien. es gibt aber unterstützung – schaut doch mal hier.

alzheimer-patienten selbst fühlen sich meist am wohlsten in ihrer gewohnten umgebung. und doch haben sie manchmal fernweh. meine oma, die 1914 in den ersten weltkrieg hineingeboren wurde, im zweiten weltkrieg ihren mann verlor und dann drei kinder alleine durchbringen musste, ist nie viel herumgekommen. wahrscheinlich hatte sie deswegen bis an ihr lebensende fernweh. immer und immer wieder war es die sonne, nach der sie sich sehnte. die wärme, das meer und die wellen.

immer wieder neuland: jeder einzelne winkel

nachdem mein vater ein paarmal mit ihr unterwegs war, bin auch ich einmal mit ihr verreist, um meine eltern zu entlasten. meine oma war fast 85 und wir fuhren nach mallorca. für sie war es pures glück. ein paar dinge werde ich nie vergessen. der einfachheit halber buchten wir einen all-inclusive urlaub. meine oma zückte allerdings nach jedem getränk ihr portemonnaie und fragte, was sie denn zahlen müsse. auch hatte sie bis zum tag der abreise keinerlei orientierung in dem übersichtlichen hotel. egal wohin sie wollte, immer bog sie falsch ab, immer hatte sie den überraschenden gesichtsausdruck einer komplett ahnungslosen, die noch nie zuvor an genau diesem ort gewesen zu sein schien.

ausflug nach valldemossa

weil meine oma klavierlehrerin war und chopin liebte, wollte sie unbedingt nach valldemossa. dort hatte der berühmte komponist gelebt. wir buchten einen mietwagen und fuhren dorthin. als wir ankamen war sie auf dem beifahrersitz so tief eingeschlafen, dass sie kaum wach zu bekommen war und wir noch nicht einmal ausstiegen. zurück im hotel wusste sie nichts von unserem ausflug zu chopin. und trotzdem: noch heute sehe und spüre ich die dankbarkeit in ihren augen, dass ich mit ihr verreist bin. und ich sehe immer noch ihre wehenden haare und ihr strahlendes lächeln, als wir bei unserer ankunft am flughafen in so ein kleines automobilchen, ähnlich einem golf-caddy, einsteigen durften, mit dem wir mit einem flughafen-mitarbeiter durch den weitläufigen airport brausten. ein privileg, in dessen genuss ich seitdem nie wieder gekommen bin und an das ich auf jedem flughafen dieser welt denke.

und wer jetzt noch ein paar tipps braucht, für den urlaub mit alzheimer-patienten, der kann sich hier schlau machen.

bleibt stark und berichtet mir über eure erfahrungen!

eure

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der geschmack von powerballs und finale

06.06.2016

eine klassische alzheimer-laufbahn sieht oft so aus: jemand merkt, dass ein anderer etwas mehr als nur schusselig ist. meist hat es der betroffene dann selbst auch schon gemerkt, sagt aber lieber nichts. irgendwann geht man gemeinsam zum arzt und dort wird festgestellt, dass der betroffene weder uhrzeit oder wochentag noch die jahreszeit benennen kann.

solange es geht, kümmert man sich zuhause, irgendwann wird es zu viel und es geht in ein pflegeheim. da geht es oft bergab, weil der betroffene aus seinem alltag und umfeld raus ist und damit oftmals weniger aktiv bleibt. dabei brauchen gerade alzheimer-patienten reize. am besten emotionale. musik, gerüche, fotos oder sport wecken erinnerungen. deswegen würde ich mir wünschen, dass pflegeheime jetzt zur fußball-em ein gemeinsames ‚public viewing’ anbieten.

sport und damit auch fernseh-sport verbindet. es ist ein gemeinschaftserlebnis. schwarz-rot-gold, die hymne, jubel und enttäuschung, schweiß und schmerz, trauern und triumphieren. das ruft auch bei dementen menschen etwas hervor. es gibt dinge, die vergisst man einfach nicht. meine oma zum beispiel, hat immer wieder von ihren handballspielen gegen den verein „stern emden“ erzählt, weil die so besonders „ruppig“ waren. das hat sie bis zu ihrem tod mit 88 nicht vergessen. ich bin fest davon überzeugt, dass sportliche großereignisse ältere und auch demente menschen berühren, weil erinnerungen aufpoppen. 

so verband meine oma mit dem weltmeistertitel 1954 immer den geschmack von erdbeerkuchen mit sahne. etwas ganz besonderes in der damaligen zeit. meine nicht demente mutter übrigens auch. sie erzählten beide immer so blumig von diesem heißen julitag 1954, dass ich ihn quasi auch schmecken konnte, diesen erdbeerkuchen. und wer weiß... es wäre doch toll, wenn ein alzheimer-patient den europameistertitel für deutschland mit den tollen powerballs verbindet, die die AFi-KiDS zubereitet haben. hier gibt es das rezept. bleibt stark bis zum finale. welche gerichte erinnern euch an große sportereignisse? vielleicht kriegen wir ja ein tolles rezeptbuch zusammen? schreibt mir gerne.

 

bleibt stark!

eure

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sportler geben fast nie auf

04.04.2016

man kann es überall nachlesen: ein ausgewogener lebensstil mindert das risiko an krebs, an herz-kreislauf-problemen und auch an alzheimer zu erkranken. ich finde, dass man das thema prävention ganzheitlich sehen sollte. wer sich gut ernährt, nicht raucht, nicht trinkt und sport treibt, der beugt vielen krankheiten vor, aber hat er auch spaß am leben? erlebt er gute tage oder geißelt er sich selbst und ist schlecht gelaunt? das wäre kontraproduktiv, meine ich. wie also kann man gesund leben und fröhlich sein?

nichts schön reden, sondern erklären

mein appell als mutter von drei kindern ist ganz einfach: früh anfangen, den kindern zu erklären, was es überhaupt bedeutet, gesund zu leben. es muss selbstverständlich sein. beiläufig und doch tief verankert. schon kinder müssen sensibilisiert werden. um was geht es überhaupt bei einer guten ernährung? ich erlaube meinen kindern, süßigkeiten zu essen. jeden tag. in maßen. mit schokolade, gummibärchen und co. ist es so einfach, finde ich. sie sind ungesund. da gibt es nichts schön zu reden. viel wichtiger ist es mir, meinen kindern zu erklären, wo überall versteckter zucker drin steckt. cornflakes, joghurt, ketchup, apfelsaft. oder was der unterschied ist zwischen kurzkettigem weizenmehl, das voller leerer kalorien steckt und vollkornmehl. und wie wichtig sport ist. als kind ist es so einfach und spielerisch, seinem skelett einen grundstock an muskeln zu verpassen, dafür muss man sich als erwachsener richtig quälen. 

eine garantie gibt es nicht 

und dann noch: welche wichtige rolle sport auch für die mentale stärke spielt. neulich war ich mit meiner 4-jährigen tochter mit dem fahrrad unterwegs. auf den letzten metern, das ziel vor augen, fing sie an zu jammern, sie könne nicht mehr. „komm pollie, wir sind doch sportler, wir geben nicht auf“, sagte ich zu ihr und sie trat wieder tapfer in die pedale. der ehrgeiz hatte sie gepackt. als sich kurz danach ihr jüngerer bruder aus trotz auf den boden schmiss und alles verweigerte, sagte sie ihm: „los weiter, wir sind doch sportler, wir geben nicht auf.“ doch er blieb trotzig liegen. eine garantie gibt’s es eben nie. aber immerhin hat er es für später schon mal gehört. vielleicht klappt’s beim nächsten mal!

wenn ihr weitere tipps und infos zum thema prävention braucht, dann schaut mal hier. aber auch eure erfahrungen interessieren uns. dafür bei facebook einloggen und loslegen. wir freuen uns über eure tipps.

bleibt stark!

eure

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zum tod von nancy reagan

08.03.2016

als ich in der „tagesschau​“ vom tod​e​ nancy reagans hörte​, verspürte ich ​anteilname. und für einen winzig kleinen moment ​erfasste mich auch ei​n gefühl der verbundenheit. ​denn die ehemalige, ​94-jährige first-lady der vereinigten staaten ​von amerika ​und ich, wir haben tatsächlich etwas gemeinsam. wir engagieren uns für die alzheimer-forschung. crazy, oder? im gegensatz zu mir ist nancy reagan allerdings eine absolute vorreiterin. ihr mann ronald reagan machte seine alzheimer​-​krankheit 1994 öffentlich​, mit einem brief an die nation.​ er verstarb 2004.​ 

„Liebe Landsleute, vor kurzem habe ich erfahren, dass ich einer der Millionen Amerikaner bin, die an Alzheimer erkrankt sind. Nancy und ich mussten uns entscheiden, ob wir das als private Angelegenheit betrachten oder ob wir diese Nachricht öffentlich machen sollten. Wir fühlen, es ist wichtig, sie mit Ihnen zu teilen.“

und wie wichtig das war. vielleicht war das der moment, in dem alzheimer ​„gesellschaftsfähig“​ wurde. d​enn der ehemals mächtigste mann der welt, war der erste super​-​promi​, der sich zu dieser krankheit bekannte. wie mutig von ihm. und wie wichtig. durch sein ​„outing“​ rückte er das tabu-thema alzheimer ins bewusstsein der ganzen welt und machte klar: es kann jeden treffen. intellekt schützt nicht. auch ein haufen geld kann die krankheit nicht verhindern. und die besten aller ärzte können nichts machen. das war damals so. und so ist es leider auch heute noch.

es gibt immer ​noch keinen durchbruch in der forschung. viele ​wissenschaftler ​versuchen​, dieser immer noch angsteinflößenden krankheit auf die spur zu kommen. aufgeben gilt nicht. in keinem bereich. damit meine ich die betroffenen, die betroffenen angehörigen und auch die forscher. irgendwann wird es den wissenschaftlichen durchbruch geben. daran glaube ich ganz fest.​ und der wissenschaftler​, der das schafft​, wird dann als ​der ​vorreiter der alzheimer-forschung in die geschichte eingehen. so wie nancy reagan – die erste prominente botschafterin für alzheimer​. 

bleibt stark!

eure

Unterschrift Okka Gundel

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Auf ein Neues  

01.02.2016

Ich mag gute Vorsätze für das neue Jahr. Wenn ich sie nicht erfülle, ist es ein bisschen egal. Und wenn doch, dann fühlt es sich an wie ein Sieg - und Siege motivieren. Sie sind der Motor fürs Leben, egal in welchem Alter. Einer meiner Vorsätze für 2016 ist zum Beispiel die "Entschleunigung": Weniger Smartphone, noch aufmerksamer um die Kinder kümmern, den Moment genießen, nicht über Kleinigkeiten aufregen. 

Das sind natürlich alles keine messbaren Größen - im Grunde geht es ja immer um das innere Gleichgewicht. Und da findet man in jedem Alter anders hin. Bei Kindern finde ich, ist weniger oft mehr. Langeweile fördert ihre Kreativität. Bei älteren Menschen dagegen ist es genau andersrum: Nicht zurückziehen, aktiv bleiben und das möglichst auf ganz vielen Gebieten. Das ist gut für einen wachen Geist und damit gut gegen Alzheimer. 

Begegnungen machen gesund

Auch wenn der Freundeskreis im Alter kleiner wird, weil einfach einige Menschen sterben, ist es toll, wenn die Älteren weiter sozial aktiv sind. Auch im Alter kann man neue Freunde finden, Geselligkeit tut gut. Sich auf einen Kaffee treffen, zum Beispiel, sorgt schon dafür, dass man vorher ein​en Blick ​in den Spiegel wirft. Dass man achtsam mit sich selbst ist, sich ein bisschen zurecht macht und nicht denkt: "Es sieht mich sowie keiner, kämmen kann ich mich auch morgen wieder". Gespräche mit anderen Menschen sind bereichernd. Man kann Geschichten hören und selbst welche erzählen. Und ganz nebenbei ist Koffein ja auch gut gegen Alzheimer. 

Zuviel Zeit? 

Wenn ältere Leute eins haben, dann ist es Zeit. Ein Tipp für Angehörige: Motiviert sie, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen, eine neue Sprache zu lernen oder eine bereits erlernte Sprache wieder aufleben zu lassen. Vielleicht sogar mit der Familie zusammen. Oder wie in Teenagerzeiten nochmal in eine Tanzschule gehen. Da muss man nicht nur seine eigenen Schritte hinkriegen, sondern sich auch auf seinen Partner einstellen. Und das Ganze bei Musik, die vielleicht die eine oder andere schöne Erinnerung auslöst und viele Sinne anregt. 

Unerfüllte Träume wahr machen

Oder wie wäre es damit, ein Instrument zu lernen? Das gehört auch zu meinen Vorsätzen. Ich werde mit 41 das machen, worauf ich schon als Jugendliche Lust hatte: Schlagzeug-Unterricht nehmen. An diesen unerfüllten Traum hat mich übrigens ein 10-jähriger Junge erinnert, der beim Talentkonzert in der Grundschule meiner Tochter einen ziemlich lässigen Auftritt an den Drums hingelegt hat. Ein "fremdes" Kind hat mich also motiviert. Ich meine, es lohnt sich, das auch mal bei den eigenen Angehörigen zu versuchen. Das wird nicht immer ganz einfach sein. Denn ältere Menschen sind ja manchmal auch ein bisschen stur. Meine Mutter, zum Beispiel, wollte nie etwas mit Computern zu tun haben. Ich habe lange auf sie eingeredet und hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Und nun: Mit fast 73 Jahren hat sie gelernt, den Computer einzuschalten, ins Internet zu gehen und E-Mails zu checken. Toll, oder? Und das Schönste daran ist: mein Vater hat es ihr beigebracht, mit 77 Jahren!

Deshalb ist mein Credo: Kümmert Euch! Motiviert - bringt Leben in die Buden. In diesem Sinne wünsche ich Euch von Herzen ein tolles 2016. Und wenn Ihr weitere Tipps und Infos braucht, dann schaut mal hier. Solltet Ihr selbst Tipps haben, die Ihr weitergeben wollt - dafür nur schnell bei Facebook einloggen und loslegen. Ich freue mich über Eure Ideen.

Eure

Unterschrift Okka Gundel


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Alle Jahre wieder

07.12.2015

Welche Oma kommt denn dieses Jahr zu uns? Eine, beide, oder keine? Das war über Jahrzehnte die Standard-Frage von uns Kindern kurz vor Weihnachten an meine Eltern. Denn unsere Omas wechselten sich immer ab. Ich erinnere mich an sehr intensive Weihnachtstage mit der Familie. Ich habe meine beiden Omas geliebt. Sehr sogar. So unterschiedlich sie auch waren. Nun gibt es sie schon seit längerem nicht mehr. Oma und Opa, das sind nun meine Eltern und ich bin die Mutter, nicht mehr das Kind. Aber in meiner Erinnerung ist alles immer noch ganz präsent. 

Zum Beispiel, dass meine Omas an Weihnachten auch manchmal kräftig genervt haben. Immer wieder erzählten sie die gleichen Geschichten, wir konnten manche Anekdote schon mitsprechen. Aus heutiger Sicht meine ich, dass es wohl die Taktik meiner Oma Hannah war - sie hatte Alzheimer - recht viel zu sprechen, damit ihre Gedächtnislücken nicht auffallen. Meine Mutter schloss sich manchmal im Bad ein, um kurz durchzuatmen und ein paar Minuten Ruhe zu haben. Ich selbst habe dann und wann demonstrativ gezeigt, dass ich genervt bin. Das tut mir heute leid. Ich würde es jetzt anders machen, etwas mehr Nachsicht wäre besser gewesen. 

„Ihre letzte Bastion war die Musik“

2001 erlebte ich dann das letzte Weihnachten mit Oma Hannah. Ich war fast 27. Meine Oma war Gitarren- und Klavierlehrerin. Musik und Hausmusik war ihr sehr wichtig. Wie schon so oft musste ich zu Weihnachten mit ihr Lieder einstudieren, bei denen sie mich mit einem Instrument begleitete. Sie setze sich ans Klavier und wollte uns ein wenig einstimmen. „Oh Tannenbaum“, schmetterte es laut und leider sehr, sehr falsch durch unser ganzes Haus. Selbst mein Vater, der so musikalisch ist wie eine Trillerpfeife, schreckte zusammen. Meine Oma hatte ihre letzte große Bastion, die Musik, verloren.  

„Sich Hilfe holen ist völlig in Ordnung“

Und auch sonst war es ein bisschen anders an diesem Weihnachten. Jeden Abend kam eine Pflegerin von einem privaten Pflegedienst, um meine Oma bettfertig zu machen. Meine Mutter hat immer alles getan für meine Oma. Aber diese Art der Hilfe, also die körperliche Pflege der eigenen Mutter, das konnte sie nicht. Ich erinnere mich daran, wie bedrückend dieses Gefühl für uns alle war. Und für meine Mutter war es besonders schwer. Ich denke, dass es vielen Angehörigen so geht. Man darf nicht vergessen, dass es etwas anderes ist, ob man eine Angelegenheit mit Abstand betrachtet oder gerade in der Situation steckt. Wer mit seinen Kräften am Ende ist - körperlich oder seelisch - der sollte sich Hilfe holen, um sich selbst und alle anderen Beteiligten zu schützen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen von Herzen einen schönen Advent und ein tolles Weihnachtsfest - bleibt stark. Und wenn Ihr weitere Tipps und Infos braucht, dann schaut mal hier.

Eure

Unterschrift Okka Gundel


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Okka Gundel wurde 1974 in Ostfriesland geboren. Nach einem Studium der Sozialwissenschaften in Göttingen und Nizza absolvierte sie von 2002 bis 2003 ein Programm-Volontariat beim WDR. Seit 2004 moderiert die 42-Jährige verschiedene Sportformate im Fernsehen. Bekannt ist sie aus der ARD-Sportschau, dem Morgenmagazin der ARD und den Tagesthemen. Okka Gundel lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Köln. Seit 2012 ist sie Botschafterin der Alzheimer Forschung Initiative.

Foto: Christian Eller