09.08.2010

Über das Ende eines großen Tabus

Gewiss erinnern Sie sich an Rita Hayworth (1918-1987), Charles Bronson (1921-2003) und Helmut Zacharias (1920-2002), Leinwandhelden und Musikheroen -  sie alle erkrankten an der bisher unheilbaren Alzheimer-Krankheit. Die Kinderbuchautorin der berühmten „Fünf Freunde“ Enid Blyton (1897-1968) fiel als Kind durch ihr ausgezeichnetes Gedächtnis auf.  Als ihre Erkrankung Anfang der 60er Jahre einsetzte, versuchte sie mit Hilfe ihrer Familie ihre gesundheitliche Situation geheim zu halten.

Dem Thema der Geheimhaltung begegnen wir beim täglichen Versand unserer Ratgeber und bei Telefonaten immer seltener. Vor allem in der Gründungszeit der Alzheimer Forschung Initiative vor 15 Jahren gab es Menschen, die Informationen über die Alzheimer-Krankheit in einem neutralen Umschlag ohne Absender empfangen wollten.

Die Alzheimer-Krankheit ist inzwischen in weiten Teilen der Bevölkerung als unheilbare Erkrankung des Gehirns bekannt und bedeutet für die meisten Menschen kein Tabuthema mehr. Dies ist teilweise prominenten Persönlichkeiten zu verdanken, die ihre Krankheit öffentlich machten. Und diese Entwicklung ist zu begrüßen, denn im Anfangsstadium kann mit Medikamenten der Krankheitsverlauf am besten verzögert werden.

Ronald Reagan macht Geschichte

Kurz vor seinem 70. Geburtstag und bei bester Gesundheit trat Ronald Reagan sein Amt als Präsident der Vereinigten Staaten an. In seinen Jugendjahren spielte er am College erfolgreich Football und führte ein Skandal- und exzessfreies Leben. Bei seinem Berlinbesuch im Jahr 1987 appellierte er am Brandenburger Tor an den damaligen sowjetischen Staatschef: "Mister Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!" Als sich Reagan 1994 zur Alzheimer-Krankheit bekannte, riss er eine Denkmauer ein, denn dies sollte dazu beitragen, das Bewusstsein für die Krankheit zu erhöhen. Am Schluss des Schreibens verabschiedete er sich mit den folgenden Worten: "Ich beginne jetzt die Reise, die mich in den Sonnenuntergang meines Lebens führen wird. Ich weiß, dass es für Amerika stets einen prachtvollen Sonnenaufgang geben wird." Ronald Reagan wurde 93 Jahre alt.

Ernst Albrecht - Lebensgeschichten gehen weiter

Auch die deutsche Politikerin Ursula von der Leyen sprach in einem Focus-Interview im Dezember 2008 über Ihren an Alzheimer erkrankten Vater Ernst Albrecht. Im Gespräch mit Focus machte sie deutlich, dass sich Betroffene und Angehörige aus Scham und Ungewissheit zurückziehen, was für die Patienten allerdings sehr nachteilig sei.

FOCUS: Fiel es Ihnen schwer, offen über die Erkrankung Ihres Vaters zu sprechen? Von der Leyen: Der Entschluss dazu war natürlich sehr schwierig. Es ist ein schmaler Grat des Abwägens zwischen Privatsphäre und dem Werben um Schutz und Verständnis. Trotzdem sage ich heute, es war richtig.

FOCUS: Warum? Von der Leyen: Ich hätte sonst unentwegt versucht, meinen Vater zu kontrollieren, um unangenehme Situationen zu vermeiden. Das wäre aber gar nicht gegangen, denn er ist sehr gerne in Gesellschaft. Und diese Kontaktmöglichkeiten helfen sehr. Jetzt kann er sich weiterhin unbeschwert in der Stadt und in Niedersachsen bewegen, ohne Missverständnisse zu provozieren und Gesprächspartner zu irritieren.

FOCUS: Irritieren? Von der Leyen: Nun, Alzheimer-Kranke können sich mit jemanden unterhalten, den sie seit Jahrzehnten kennen, und am Ende des Gesprächs sagen: „Es war schön, Sie kennen gelernt zu haben.“ Nur Eingeweihte können so ein Kompliment sofort verstehen.

2010, fünf Jahre nach der Diagnosestellung wurde zu Ernst Albrechts 80. Geburtstag ein Empfang vor geladenen Gästen gegeben. In seiner Festrede blickte Ernst Albrecht in die Vergangenheit. Erinnerungen an seinen Vater, an seine Studienjahre und seine 14-jährige Amtszeit als Ministerpräsident von Niedersachsen sind ihm in wacher Erinnerung geblieben. "Ich bin dankbar für mein ganzes Leben", erklärte Albrecht. Für die Gäste ist der Abend eine Geburtstagsfeier, aber es ist auch eine kleine Lehrstunde: Es ist eben nicht alles vorbei, wenn einer an Alzheimer erkrankt, auch nicht fünf Jahre nach der Diagnose.

Erinnerungen an Inge Meisel

Mit 20 Jahren stand die junge Schauspielerin in Berlin, Leipzig und Zwickau auf der Theaterbühne. 1959 spielte sie in dem Berliner Volksstück "Fenster zum Flur" die Rolle der Anni Wiesner. In den 60er Jahren spielte sie die Rolle der Käthe Scholz in der Fernsehserie "Die Unverbesserlichen“. Ab 2003 litt Inge Meysel an Altersdemenz, spielte aber 2004 trotzdem noch in einer Folge der bekannten Serie "Polizeiruf 110" mit. Vielleicht wäre sie ihrer Arbeit noch einige Zeit treu geblieben, wenn sie nicht im selben Jahr an einem Herzstillstand gestorben wäre.

15 Jahre Alzheimer Forschung Initiative

Dieser Artikel ist Teil unserer Jubiläumsreihe zum 15-jährigen Bestehen der Alzheimer Forschung Initiative. Folgende Artikel sind erschienen:

Ausgabe 1 von 12: Wie die Krankheit zu ihrem Namen kam
Ausgabe 2 von 12: Als die Krankheit sichtbar wurde…

Ausgabe 3 von 12: Ist es schon Alzheimer, Herr Doktor?

Ausgabe 4 von 12: Erinnern auf Rezept? Zum Stand der Medikation

Ausgabe 5 von 12: Dürfen wir vorstellen? Die Amyloid-Hypothese

Ausgabe 6 von 12: Die Alzheimer-Krankheit und ihre Stadien

Ausgabe 7 von 12: Vererbtes Vergessen - Die Alzheimer-Gene
Ausgabe 8 von 12: Über das Ende eines großen Tabus
Ausgabe 9 von 12: Eine Initiative für die Erinnerung 
Ausgabe 10 von 12: Zukunftsmusik? Impfen gegen das Vergessen
Ausgabe 11 von 12: Wie das Gamma zu Alpha und Beta kam
Ausgabe 12 von 12: Aktuelle Alzheimer-Forschung im Fokus

Quellen:
Focus: „Immer noch eine Tabudiagnose“, vom 15. Dezember 2008
Spiegel Online : Der letzte kalte Krieger, vom 5. Juni 2004
Welt Online: Ernst Albrecht überrascht an seinem 80. Geburtstag die Gäste, vom 30. Juni 2010

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